In meiner Arbeit mit KI in Unternehmen tritt ein Thema immer deutlicher in das Rampenlicht: Der eigentliche Wert von KI liegt vermutlich langfristig weniger in den Modellen selbst, als in den Daten, dem Wissen und den Erfahrungen, die Unternehmen und Gesellschaften bereits über Jahrzehnte aufgebaut haben.

Darüber wird immer noch erstaunlich wenig gesprochen.

Ein Grund liegt sicher darin, dass viele digitale Innovationen der vergangenen Jahrzehnte vor allem Infrastrukturthemen waren:

  • das Internet
  • Smartphones
  • Cloud-Techniken
  • oder soziale Netzwerke.

KI funktioniert und wirkt anders.

Sie entfaltet ihren Wert nicht unabhängig von bestehenden Informationen. Sie entwickelt ihre Wirkung immer im Zusammenspiel mit vorhandenen Daten, Wissen und Kontexten.

Ohne existierende Daten gäbe es keine lernenden Systeme. Keine Large Language Models. Keine dialogfähigen Wissenssysteme. Bereits die heutigen Modelle basieren auf Milliarden vorhandener Informationen, Texten, Bilder, Dokumentationen und digitaler Wissensbestände.

Und genau an diesem Punkt beginnt aus meiner Sicht eine der spannendsten Fragen für Unternehmen in Europa überhaupt.

Der verborgene Schatz vieler Unternehmen

Gerade in Deutschland ist über Jahrzehnte ein enormer Wissensbestand entstanden. Vielleicht stärker als in vielen anderen Regionen der Welt. Denn unser industrieller Mittelstand hat über Generationen hinweg:

  • Verfahren entwickelt
  • Produktionsprozesse optimiert
  • Maschinen perfektioniert
  • Bedienerfahrung aufgebaut
  • Erfahrungen dokumentiert
  • und Spezialwissen in Unternehmen verankert.

Ein großer Teil davon liegt allerdings bis heute:

  • in Dokumentationen
  • PDFs
  • Serviceberichten
  • Tabellen
  • E-Mails
  • Wikis
  • Datenbanken und Laufwerksverzeichnissen
  • oder schlicht in den Köpfen erfahrener Menschen.

Oft verteilt, unverbunden und schwer zugänglich. Genau darin liegt möglicherweise einer der größten Datenschätze und ROI-Hebel.

KI potenziert vorhandenes Wissen

Was KI dabei so besonders macht: Sie erzeugt Wissen nicht isoliert neu. Sie kann vorhandenes Wissen:

  • strukturieren
  • verbinden
  • dialogfähig machen
  • auffindbar machen
  • und kontextbezogen nutzbar machen.

Dadurch entsteht plötzlich ein völlig neuer Hebel. Denn Wissen, das bisher verteilt oder verborgen war, kann durch KI erstmals organisationsweit verfügbar werden.

Aus Dokumentationen werden Dialoge.
Aus Daten werden nutzbare Zusammenhänge.
Aus einzelnen Erfahrungen entsteht kollektives Wissen.

Vielleicht liegt genau darin die eigentliche disruptive Kraft von KI. Nicht nur in der Automatisierung, sondern in der Fähigkeit, vorhandenes Wissen neu zugänglich zu machen.

Datensouveränität wird zum Wettbewerbsvorteil

Ich glaube deshalb, dass Datensouveränität in den kommenden Jahren zu einem der wichtigsten strategischen Themen überhaupt wird.

Und zwar nicht nur im technischen oder regulatorischen Sinn, sondern als Fähigkeit:

  • eigenes Wissen verfügbar zu machen
  • Zusammenhänge intelligent zu verknüpfen
  • Erfahrungen nutzbar zu machen
  • und daraus neue Kompetenzen zu bauen.

Europa könnte hier langfristig einen besonderen Vorteil besitzen, gerade wegen seiner dezentralen Strukturen. Über viele Jahre haben wir gelernt, kleinere Märkte, unterschiedliche Regionen und komplexe Systeme über Netzwerke, Kooperationen und Spezialisierung miteinander zu verbinden. Vielleicht wird genau diese Fähigkeit künftig zu einer entscheidenden Stärke im Umgang mit KI und Wissen.

KI als verbindende Kraft

Die großen und homogenen Binnenmärkte der USA oder Chinas wirken zunächst überlegen.

Gleichzeitig könnte gerade Europas Stärke darin liegen, Wissen intelligent zu verbinden; über Unternehmen, Branchen, Netzwerke und Regionen hinweg.

Genau dort wird KI plötzlich interessant, nicht nur als Technologie, vielmehr als verbindende und gestaltende Kraft.

Eine Kraft, die Wissen nicht ersetzt, sondern sichtbar macht.
Die Erfahrungen nicht verdrängt, sondern zugänglich macht.
Die vorhandene Kompetenz nicht zentralisiert, sondern vernetzbar macht.

Das gilt für einzelne Unternehmen, für Branchen, für industrielle Netzwerke und sogar für ganze Gesellschaften.

Mein persönliches Fazit

Je länger ich darüber nachdenke, desto stärker beschäftigt mich der Gedanke, dass viele Unternehmen bereits heute deutlich mehr KI-Potenzial besitzen, als ihnen bewusst ist. Dieses Potenzial entsteht nicht allein durch neue Modelle oder Technologien, sondern vor allem durch die Datenschätze, das Erfahrungswissen und die gewachsenen Kompetenzen, die bereits vorhanden sind.

Die eigentliche Herausforderung liegt möglicherweise deshalb weniger darin, immer neue Informationen zu erzeugen, sondern vorhandenes Wissen:

  • zu strukturieren
  • zu digitalisieren
  • zu verbinden
  • und dialogfähig zu machen.

Gelingt uns das könnte daraus weit mehr entstehen als nur effizientere Prozesse. Vielleicht entsteht daraus eine neue Form von gemeinschaftlichem Lernen, wirtschaftlicher Souveränität und digitaler Zusammenarbeit.

Wäre das nicht ziemlich genial?
Ich finde ja.

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