Wer meinen Blog schon eimal besucht hat, der weiß, daß ich gerne auch mit und von Tieren lerne. Vor gut 3 Monaten habe ich in meiner Hundebeziehung entschieden, mehr Freiheit und Selbstbestimmung zu geben. Pablo hatte damals begonnen, sich zunehmend für seine Umwelt zu interessieren, mehr und mehr herumzuschnüffeln und die Welt zu entdecken. Etwas, das in seinem früheren Umfeld sicher nicht möglich war. Mein Hunde-Coach meinte dazu: „Prima, das ist total gesund, der darf jetzt nachholen, was er früher nicht entwickeln konnte“. Also lies ich Pablo mehr „selber machen“. Wenn es draussen mal notwendig war, konnte ich ihn ja abrufen; mit 2-3 Wiederholungen klappte das auch regelmäßig. Im Haus wanderte er mit mir selbstständig durch alle Räume – fast immer ganz in meiner Nähe.

Manchmal war es mir zwar etwas eng, dafür musste ich aber weniger steuern. So weit so gut. Vor ein paar Tagen dann geschah es. Eine Freundin war mit Ihrer, uns gut bekannten, Hündin zu Besuch und wir standen alle im Haus. Da schaut er mich an, hebt das Bein und …. platsch! Was für eine Frechheit! Ich war so verblüfft, dass ich erst mal gar nicht reagieren konnte. Dann begannen meine Überlegungen: Was passiert hier? Woher kommt das? Was ist meine Verantwortung darin? Im Gespräch mit dem Hunde-Coach fiel dann ein entscheidender Satz: „Der nimmt dich als Ressource war, die ihn präferiert bedient. Jetzt braucht es wieder mehr klare Führung und Grenzen! Und genau das üben wir nun seit dem Tag. Dafür brauche ich Kraft für Entscheidungen und Konstanz. Unsere Beziehung ist etwas unterkühlt und auch das „darf ich wohl gerade aushalten“. Vielleicht wissen Sie, wie Hundeaugen gucken können?

Gleichzeitig merke ich, wie langsam wieder klare Grenzen und Prinzipien entstehen. Innerhalb neuer Vereinbarungen kann ich ganz langsam auch wieder Freiheit geben. Und auch mein Vertrauen in uns entwickelt sich neu. Ein Experiment, das sich täglich verändert und wohl auch kein Ende findet.

Sicherlich in einer anderen Form von Verbindung und doch ähnliches erlebe ich in der Zusammenarbeit von Menschen und Teams. Immer wieder geht es um die Qualität der unterschiedlichen Beziehungen. Fragen helfen dabei, meinen eigenen Standpunkt in der Führung zu bestimmen. Wohin möchte ich mich mit diesem Team entwickeln? Wo liegen die individuellen und persönlichen Grenzen von Selbstverantwortung und Führung? In welchen Themen und Arbeitsbereichen und bei welchen Kolleginnen kann ich wieviel Freiheit oder Vertrauen geben? Wen kann ich in welcher Form fördern? An welchen Stellen ist Klarheit besonders wichtig? Wie viel Einvernehmlichkeit, wo sie notwendig ist, haben wir im Team?

Fragen sind Hinweisschilder auf dem Weg der Verbindung von hierarchischer Struktur und selbstlernender Organisation. Klick um zu Tweeten „Old School“ und „New Work“ – beides hat seine Daseinsberechtigung. Warum sollten nicht beide Arbeitsprinzipien mit- bzw. nebeneinander agieren können? Warum überhaupt so genau zuordnen oder gar trennen? Viel interessanter und wirksamer empfinde ich eine klare Positionierung in Themen wie…

  • der Haltung und den Wertvorstellungen als Persönlichkeit in meinem Führungsverständnis
  • dem Wissen, daß es nicht um entweder oder geht, sondern daß vielmehr Vielfalt erwünscht ist
  • der öffentlichen Entscheidung, mit dem Experiment zu beginnen und sich auf den Weg zu machen
  • dem Bewusstsein, daß Zielerreichung weniger wichtig ist als gemeinsames Lernen und Entwickeln.

Wieviel Führung darf es für Sie heute sein?