Vor gut 1,5 Jahren hatte ich mich entschieden einen Hund in mein Leben zu lassen. Nach meinen früheren Erfahrungen mit Katzen, Pferden und Rindern sollte es diesmal ein Lebewesen sein, das mir mit seiner Geschichte „persönlich nahe“ kommt. Auch deshalb fiel meine Wahl auf einen Hund aus dem Tierschutz. Ich habe nicht geahnt, wieviel ich damit nochmals über Verbindung und Führung lernen kann.

Genaue Vorbereitung baut eine stabile Basis

Gestartet bin ich mit einer ganzen Reihe von Fragen: Worin liegen die Gründe für diese Entscheidung? Jetzt? Hier? Kann ich das tatsächlich ganz verantworten? Passt mein momentanes Umfeld? (zum Beispiel kann ein älteres Tier ggf. keine Treppen mehr bewältigen). Dazu kamen noch ganz praktische Fragen wie: Welche Rasse? Geschlecht? Woher? …

Seit über einem Jahr lebt nun „Ford“ bei mir, ein 7-jähriger Labrador-Mix aus Spanien. Aufgelesen von der Strasse und abgeladen im Tierheim war sein Leben bisher kein Zuckerschlecken. So ein „alter“ Hund (in Menschenjahren sind das knapp 50 Lebensjahre) sei üblicherweise kaum vermittelbar, sagte die Dame aus dem Tierschutz. Ein Grund mehr für meine positive Entscheidung, bin ich doch ähnlich „alt“ und kann mich auch noch entwickeln und dazulernen. Warum also nicht?

Eine wichtige Entscheidung war, mir einen Coach an die Seite zu stellen. So wie ich mir in schwierigen Zeiten als verantwortliche Führungskraft im Business Unterstützung gesucht habe, war aufgrund der anspruchsvollen und für mich neuen Situation auch hier ein Profi gefragt. Gefunden habe ich Daniel Sprengnöder von Cankuna. Er hat sich auf Hunde mit einer solchen Geschichte spezialisiert. Und auch eine gute Freundin mit einem besonderen Blick auf die Tiere gab wertvollen Rat und Tat dazu. Ich war also nicht alleine unterwegs und es konnte losgehen.

Verbindungen entstehen durch „Führen und Folgen“

Im Juni 2016 war es soweit: Ich hatte mir Freiraum und Homeoffice eingerichtet und so konnten wir 2 Wochen Beziehungsaufbau leben: Ganz langsam ankommen, Erfahrungen miteinander machen und erstes Vertrauen schaffen. Wir hatten Zeit, uns kennenzulernen, herauszufinden wie wir ticken, was uns wichtig ist und verbindet und auch um die ersten Basisregeln und Rituale einzurichten.

Die Arbeitsmaxime von Daniel Sprengnöder „Erziehung durch Beziehung“ habe ich für mich adaptiert in Beziehung statt Erziehung. Mir geht es nicht um die Einrichtung einer festen Hierarchie (mit mir als Chef) und starren Regeln, sondern um die Etablierung eines flexiblen Rahmens, in dem wir uns situativ bewegen und individuell entwickeln können. Beide!

Mit dieser Zielsetzung haben wir in konkreten Situationen und in meinem persönlichen Lebensumfeld die notwendigen sozialen Führungskompetenzen weiterentwickelt und einen klaren Rahmen für unser Team aufgebaut. Der Rest war und ist anhaltendes tägliches üben, ausprobieren, anpassen und weiterentwickeln. Und auch bei neuen Herausforderungen hole ich mir gerne eine Lern-Stunde zur Unterstützung. Der professionelle Blick von Außen ist, wenn er mich zielgerichtet, praktisch und auf Augenhöhe anspricht, immer wertvoll und hilfreich. Dabei sind Daniel und ich uns darin einig, dass es darum geht meine eigene Führungsrolle zu klären: Ich bin hier genauso Lernender wie mein Hund.

Diese Haltung treffe ich in der Teamführung (egal ob Hunde oder Menschen) noch selten an, steckt doch darin das Wagnis, Kontrolle abzugeben, immer wieder Neues auszuprobieren und zu lernen, oder auch einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. Die große Chance liegt in der leichten, belastbaren Verbindung und deren Wirkung: Wir brauchen keine langen Meetings und Diskussionen, Verantwortung wird bewusst gegeben und genommen, wir agieren tatsächlich einvernehmlich, Freiheit ersetzt (wo möglich und sinnvoll) Abhängigkeit. Damit wird Kraft und Zeit frei für andere Themen. Die Qualität unserer Verbindungen ist der Boden für positive Zusammenarbeit. Klick um zu Tweeten

Mein Workshop „Führungskreis“ ist ein Angebot, in dem es genau darum geht. Führende und/oder Verantwortliche treffen sich in einer PeerGroup, um neue Wege und Verbindungen praktisch und individuell auszuprobieren – damit Führung leichter wird.

Eine Kultur von Ausprobieren und Lernen

Einer der wichtigen Punkte in der Entwicklung unserer Verbindung war die Einrichtung und konstante Durchführung von Ritualen. Ein Beispiel: Beim Spazieren reklamiert Ford die Wege gerne ganz für sich; eine Begegnung mit Fahrradfahrern kann da schnell schwierig werden. Also rufe ich ihn bei einer solchen Begegnung immer zu mir. Am Anfang war das noch viel Arbeit, inzwischen wird es immer einfacher und zunehmend selbstverständlich. Beide können wir solche und ähnliche Situationen heute entspannt und vertrauensvoll handeln. Mit Klarheit und Konsequenz wird dann sogar das für viele Hunde aus Tierheimen schwierige Thema Futterneid leicht. Dran bleiben, auch wenn die Hundeaugen noch so herzerweichend blicken, ist der Weg.

Im Gegenzug „genehmige“ ich viele Dinge, die im klassischen Hundetraining meist anders vermittelt werden. Er bleibt liegen, wo er gerade liegt und ich laufe drumherum. Er wählt frei, wo er schläft, kann mich im Haus meist begleiten. Er darf auch „gewinnen“ wenn es um eine Entscheidung geht und der Klassiker schlechthin: Ich muss nicht immer als erster durch die Tür.

Unsere Verbindung wird damit lebendig und durchlässig, wir können uns anpassen und gemeinsam entwickeln. Und gleichzeitig ist die grundsätzliche Rangordnung klar, ich führe und verantworte das Team. Nicht weil ich der Chef bin, sondern weil ich den weiten Blick auf mögliche Konsequenzen habe.

Natürlich klappen die Dinge nicht sofort von Beginn an. Und genau hier hat mich das größte Geschenk überrascht: Ich bekomme schier endlose Chancen von Ford es nochmals zu versuchen. Gerade wenn etwas nicht klappt und es schwierig wird, ich ungeduldig werde, vielleicht auch mal ruppiger als notwendig – er kommt immer wieder auf mich zu und bietet mir eine nochmalige Chance das Neue in unserer Verbindung zu entwickeln. Ich darf immer wieder auf´s Neue ausprobieren und lernen – das ist gelebte Fehlerkultur.

So wächst zwischen uns eine zunehmend leichte und vertrauensvolle Verbindung, die Freiwilligkeit und Freiheit kennt. Beide sind und bleiben wir eigenständige Persönlichkeiten und achten gleichzeitig auf den Anderen und dessen Anliegen.

Mein Resümee

Es ist erstaunlich, wieviel Parallelen zwischen der „tierischen Verbindung“ und der Businesswelt ich gefunden habe. Vieles von dem, was ich in meiner Arbeit mit Ford erlebe, zeichnet auch ein leistungsfähiges Team aus. So durfte ich gerade ein Führungs- und Teamtraining für einen Kunden gestalten und durchführen. Die zentralen Eckpunkte und Werte, die das Team für sich als wichtig und wirksam erarbeitet hat, lauteten:

Mitdenken, Vertrauen, Verantwortung übernehmen, Füreinander einstehen, Klarheit, Vielfalt, Unkompliziertheit. Gemeinsame Werte resultieren in einer hohen Verbindungsqualität und Arbeit macht Freude. Die Verantwortung der Führungskraft ist es, Grenzen und Entwicklung im Team zu überblicken. Klick um zu Tweeten

Vieles davon habe ich im obigen Text beschrieben. In dieser Verbindung kann ich üben und neue Dinge ausprobieren. Einen tollen Trainingspartner habe ich da geschenkt bekommen. Danke mein lieber Ford, für das Mitspielen und die „schier endlosen“ Angebote zum Lernen.